Das Dorf neu erfunden

Die meisten, die sich die Strotzbüscher Mühle als Reiseziel ausgesucht haben, kommen mit dem Auto. Zum Parken haben wir einen Parkplatz. Wenn wir nicht mehr Gäste beherbergen können, ist auch der Parkplatz vollgeparkt mit Autos. Und wenn jemand sein Auto nicht taktisch geparkt hat, ist er auch noch etwas voller.

Ich bin Autoliebhaber und dann so einer, der die zwanghafte Neigung hat, das Tempolimit zu negieren. Ich mag einen starken Motor, die Atmosphäre auf der Autobahn und ein Camper sind für mich Inbegriff von Freiheit. Aber ein Auto ist für mich auch Gebrauchsgegenstand und keine heilige Kuh. Meiner Meinung nach muss ein Gebrauchsgegenstand einen festen Platz haben, wenn man ihn nicht gebraucht. Im Großformat wäre das ein Parkhaus. Eine Art großer Schrank, um zu verhindern, dass alles rumliegt. Etwas gut auf zu bewahren sorgt für weniger Chaos und mehr Platz, und außerdem verunstalten Dinge, die rumliegen, ihre Umgebung. Denk nur an unseren Parkplatz oder einen beliebigen historischen Dorfkern, der voll steht mit Autos. Ich finde das unordentlich und hässlich, und damit meine ich auch die Tatsache, dass Autos ihre Umgebung nicht nur visuell verschmutzen.

Jedes Stückchen Land hat in unserer Gesellschaft einen Flächennutzungsplan. Der wird im gesetzlichen Rahmen von den zuständigen Behörden bestimmt. Manche Stücke werden regelmäßig neu eingerichtet oder angepasst. Auf anderen Stücken will die Gesellschaft etwas vorhandenes schützen. Das wunderschöne Tal, in dem die Strotzbüscher Mühle liegt, ist dafür ein Beispiel. Dies ist so ein Ort, an dem zum Zwecke der Gemeinnützigkeit Gesetze ins Leben gerufen wurden, um dessen Wert gegen die störenden Einflüsse des Menschen zu schützen. Das ist natürlich eine gute Sache! Aber Gesetzgebung kann auch rigide sein, denn die Abwägung über das, was geht und was nicht, ist nicht einfach. Der Wert dessen, was man schützen will, lässt sich nicht gut taxieren und das macht die Sache kompliziert. Denn wer kann sagen, wie viel eine Waldwanderung wert ist? Wie wertvoll ist der Moment, an dem man den Wind durchs Blätterdach einer enormen Buche rauschen hört? Wer kann mir sagen, wie viel Stille wert ist? Ich denke, dass niemand eine schlüssige Antwort hat, die Antwort ist eben "nur" sehr wertvoll. Ich bin davon überzeugt, dass Natur nicht gegen das universelle Bedürfnis des Menschen geschützt werden muss, sich mit ihr zu verbinden. Das Band ist unlösbar und braucht keinen Schutz, hat aber einen Anreiz nötig, um Verfremdung und Desinteresse entgegen zu gehen. Stell dir zum Beispiel Morgennebel vor, der zwischen den Bäumen hängt. Erkenne den Geruch des Waldes, wenn du ihn wahrnimmst, lausche dem Zirpen der Grillen. Lass die Erfahrung Teil von dir sein, dann wird man ein verfeinerter und selbstbewusster Mensch. Das ist gut für denjenigen, der du einmal sein wirst und für die Gesellschaft im Allgemeinen. Gib der Naturerfahrung so viel Raum wie möglich, um Schönheit, Verwunderung und welches Gefühl oder Emotion dir auch begegnet, voll und ganz zu erfahren. Es wird zur innerlichen Bereicherung. Das ist der Wert von Natur und die Essenz des Gefühls, als Mensch damit verbunden zu sein. Genau das ist es, was die Gesellschaft schützen muss. Dann müssen wir uns nicht aufs Wohlergehen von Pflanzen und Tieren richten oder einen nachhaltigen Lebensraum. Denn wenn sie "wohl ergehen" liegen wir auf Kurs. Das Eine verstärkt das Andere. Die Selbstverständlichkeit dieser Tatsache muss bis ins Innere durchdringen, bis sie tatsächlich Gemeingut geworden ist.

Die Naturerfahrung steht im Mittelpunkt

Also, zurück zur Strotzbüscher Mühle und dem Parkplatz. Die "Herrlichkeit" Strotzbüscher Mühle ist eine "Unterkunft in der Natur". Man kann hier campen, ein Zimmer in der Herberge mieten und noch viel mehr. Man kann im Tal des Üßbach "unten" sein und im ganzen Siebenbachtal "runterkommen". Man kann sich hier buchstäblich verstecken, sich klein machen und zur Ruhe kommen. Energie tanken, weil man Natur erfährt. Und dann stehen die geparkten Autos eigentlich am verkehrten Ort. Ich denke, dass die Anwesenheit geparkter Autos ein Dorn im Auge jeder Naturerfahrung ist. Natürlich kann ich den Parkplatz einfach auflösen, aber das geht am Kern des Ganzen vorbei. Ich möchte, dass die Erfahrung der Natur im Mittelpunkt steht, das ist meine Mission. Das kann ich nicht alleine. Ich denke, dass "wir" verschiedene Projekte angehen müssen, die in Verbindung stehen mit einem Naturerlebnis.

Der Küchentisch

Nun ist ein Parkhaus hier im Tal Unsinn. Die einzige Möglichkeit, ungefähr 40 Autos zu parken ist nicht hier im Tal, sondern an der Einfahrt zur Strotzbüscher Mühle. Dort ist eine Grünfläche, auf der ich mir einen Parkplatz vorstellen könnte. Von da aus müssen Menschen dann komfortabel die Strotzbüscher Mühle erreichen können und wieder zurück zum Auto kommen können. Ich beschloss, mit der Gemeinde Strotzbüsch, dem Besitzer der Grünfläche, zu reden. Ohne Parkplatz ist alles, was wir uns ausdenken rein hypothetisch und außerdem haben alle Initiativen einmal lokal angefangen. Ich rief den Bürgermeister an und erzählte ihm, dass ich die Möglichkeit eines Parkplatzes auf der Grünfläche untersuchen will. Er wusste meine Idee zu schätzen und so saßen wir ein paar Tage später an unseren Küchentisch.

Ich hatte gehofft, dass das Wort "untersuchen" für einen weiten Begriff meiner Idee eines Parkplatzes sorgen würde. Ich erwartete kein tiefgehendes Gespräch über den Sinn von Naturerfahrungen. Aber unser Gespräch drehte sich schnell um die zu erwartenden Probleme und die waren leicht gesagt ziemlich grundsätzlich. So sind die Bewohner des Dorfes Strotzbüsch wahrscheinlich kein Befürworter eines Parkplatzes in der Nähe ihrer Schutzhütte. Der mögliche Parkplatz würde an den Wald grenzen, hinter der die Schutzhütte gebaut ist. Jedes Dorf in der Gegend hat so eine Schutzhütte. Meistens sind sie wunderschön gelegen und Gemeinschaftsgut, so auch die Strotzbüscher Schutzhütte. Von der Klippe kann man übers gesamte Siebenbachtal gucken. Der Bürgermeister ging davon aus, dass das Tal ohne Parkplatz automatisch autofrei werden würde. Diese Variante hatte ich dummerweise nicht erwartet. Dann müsse man zwar alte Rechte berücksichtigen. Menschen, die Wasser holen wollen bei den thermischen Quellen, wollen so dicht möglich bei der Quelle parken. Diese Quelle mit "Heilwasser" liegt am Ufer des Üßbachs, etwa 50 m von der Strotzbüscher Mühle entfernt. Die Menschen, die ihre Flaschen füllen kommen, sind meist etwas älter und nicht immer gesund, laufen ist für sie schwierig. Und was passiert mit dem Bauern, dessen Kühe in den Wiesen des Siebenbachtals laufen. Er muss mit seinem Trecker aufs Land können. Und der Postbote und Paketdienst? Zum Schluss nannte der Bürgermeister noch ein paar mögliche Probleme mit Bezug auf Gesetzgebung und Finanzierung und nach ungefähr einer Stunde brach er auf. Auch wenn ich das Gefühl hatte, dass er auf meiner Seite stand, war es eindeutig. Es gab viele Problem und Schwierigkeiten. Ich lud ihn ein, einander häufiger am Küchentisch zu begegnen. Beim Weggehen machte er mir Komplimente für die Arbeit, die wir die letzten Jahre hier getan haben und fügte hinzu, dass nicht jeder im Dorf unsere Tätigkeiten guthieß.

Licht am Horizont

In den darauffolgenden Tagen stellte ich mir die Frage, was dem Ganzen zugrunde lag. Man kann doch nicht gegen „Leben“ in und um die Strotzbüscher Mühle herum sein. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen, als dass die Strotzbüscher Mühle zum kulturellen Erbgut des Dorfes Strotzbüsch gehört. Die Strotzbüscher Mühle ist in den Herzen der Strotzbüscher. Die lange Geschichte und verschiedenen Funktionen des Gebäudes haben dafür gesorgt, dass die Mühle und das Dorf unlöslich miteinander verbunden sind. Wenn man sich als Dorfbewohner nicht (mehr) identifizieren kann mit dem, was heutzutage in und um die Mühle herum passiert, hat man vielleicht die Neigung, abschätzig zu reden. Ich fand es eine stimmige Analyse. Natürlich muss ich mir die Meinungen willkürlicher Strotzbüscher nicht unbedingt zu Herzen nehmen, aber Sachen des Herzen gehen mir nun einmal ans Herz. Außerdem befindet sich im Herzen der Schlüssel zur Beseelung. Ich würde es fantastisch finden, wenn die Strotzbüscher Mühle für jeden Strotzbüscher ein Begriff wäre. Vielleicht ist es wishful thinking. Aber lass mich einen Lichtpunkt an den Horizont setzen.

Mal angenommen, dass ich mir etwas ausdenken würde, bei dem jeder Dorfbewohner das Gefühl hätte, dass das, was in und um die Strotzbüscher Mühle herum passiert, aufs Dorf ausstrahlt. Warum sollte man die Thermalquelle nicht tiefer bohren, um die Wassertemperatur ein paar Grad zu erwärmen? Dann könnte man ein Bad bauen, in dem jeder Strotzbüscher sich im Heilwasser erquicken kann. Warum sollte man die Schutzhütte nicht versetzen, um mit einer neu gebauten Blockhütte extra Einnahmen für die Gemeinde zu generieren? Warum sollte man sich nicht irgendwie eine Art „perpetuum mobile“ ausdenken, um auch ohne Auto ins Tal zu kommen? Wenn man sich seriös auf ein solches Projekt einlässt, selbst wenn es aussichtslos scheint, kann das zu neuer Denkweise und Energie führen. In jedem Fall ergeben sich aus solch einem Prozess neue Kontakte und gibt es die Chance, dass sich einem Türen öffnen, die anders verschlossen geblieben wären. Das passiert nämlich, wenn neues Wissen und neue Menschen bei einem Projekt beteiligt sind und das Projekt gleichzeitig gut dokumentiert und geteilt wird.

Ich habe schon einmal darüber geschrieben, dass mich das Wissen und die Lebensenergie und -haltung vieler Menschen erstaunt, die ich hier kennengelernt habe. Menschen, die hier regelmäßig zu Gast sind. Also auch regelmäßig, wenn auch nur für kurze Zeit, „Einwohner“ von Strotzbüsch sind. Diese Menschen genießen diesen Ort und die Umgebung, die Natur des Siebenbachtals, die Niederburg Manderscheid, die Mare, vielleicht haben sie sich sogar die Strotzbüscher Kirche angesehen. Aber sie haben keinen Kontakt gehabt zu den Strotzbüschern. Das ist schade, denn viele Gäste der Strotzbüscher Mühle sind wirklich interessiert, was hier auf dem Land passiert. Sie möchten ihr städtisches Leben mit dem auf dem Dorf vergleichen. Um Geschäfte und Schulen, aber auch Arbeitsmöglichkeiten, politische Strukturen, die Rolle von Dorftraditionen und familiären Beziehungen. All diese Fragen werden aus dem Bedürfnis heraus gestellt, das eigene tägliche Leben zu durchbrechen.

Die vielen Stadtbewohner fantasieren über ein Leben auf dem Land, was natürlich nicht sagen soll, dass sie sofort umziehen würden oder sich einmischen wollen. Es ist kein Zufall, dass 85% der Deutschen in städtischem Gebiet wohnen. In Belgien und den Niederlanden liegt der Prozentsatz wahrscheinlich noch höher. Städte haben viele kulturelle und soziale Einrichtungen, außerdem sind sie ein Schmelzkessel für Ideen und das ist natürlich spannend. In der Dynamik der Stadt ist es leicht, andere Menschen zu treffen. Häufig ist dort genug Geld und menschliche Kraft vorhanden und das liefert Arbeit und wirtschaftlichen Wohlstand.

In ganz Europa laufen ländliche Gebiete seit Jahrzehnten leer. Viele junge Menschen ziehen weg, Geschäfte und Schulen sind geschlossen, Geschäftigkeit verschwunden. Einmal pro Tag fährt ein Bus zur nächsten Stadt. Viele Dörfer sind isoliert und die noch übergebliebenen Bewohner haben häufig, verständlicherweise, einen Hang zur Nostalgie. Die Infrastruktur von früher ist nicht mehr vorhanden und es sind einfach zu wenig Menschen um ein selbständiges ökonomisches System am Laufen zu halten.

Ich hoffe, dass das Dorf durch Menschen neu erfunden wird, die an den heutigen kapitalistischen Strukturen zweifeln. Menschen, die keine Hektik mögen. Menschen, die der Natur nah sein wollen und sehen wollen, wie alles blüht und wächst. Denn das ist etwas, das wir auf dem Land eigentlich selbstverständlich finden und dessen Wert wir beinah vergessen haben.

Ich bin gespannt wie es weiter geht.

Hans 9-12-2020

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2 Gedanken zu „Het dorp nieuw uitgevonden.“

  1. Wat een prachtig, bezield en inspirerend verhaal, Hans!!
    Het maakt mij ook heel benieuwd hoe het verder gaat… – als je het mij vraagt zit je op een heel goed spoor, dus ik heb er alle vertrouwen in dat er iets moois bij uit gaat komen!

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